VOODOO FAUST

Ein Bühnenstück mit 15 Songs

Der Wunderdoktor und Hellseher
Dr. Johann Faust kommt in die Stadt. Er wird dort verehrt und angefeindet. Und er wird geliebt. Seine Geltungssucht führt ins Verderben.

Text und Musik:
Norbert Schmitt

Mitwirkende:
Isabel Binder (Faust)
Petra Bassus (Moderation)
Rusty la Pearle (Tanz)
Vronis Tanzstudio
Marokko Blues Band

Fotos: Günter Hogen
Videos: Reinhold Müller

Der Anfang

Das Lied vom Anfang

Am Anfang war das Wörtchen Am
Drum war der Anfang gar nicht lang
Dann war der Mittelteil erreicht
Und dann kam nichts, die ganze Zeit

Zur Mitte lief die Sache dumm
Man nahm ihm die Geschichte krumm
Der Mann war nichts und nannt sich Ich
Das war ein Widerspruch in sich

Der Mann war nichts wozu ihn hassen
Ein Niemand kann dich nicht verlassen
Ein Niemand kann dich nicht betrügen
Drum konnt er dich mit nichts belügen

Ein fremder Mann kam in die Stadt
Vergangenes besiegt die Gegenwart
Jetzt ist das Ende nicht mehr weit
Und dann ist nichts die ganze Zeit


Kennt ihr Faust?
Es gibt Dramen, Epen, Filme.
Es gibt das Faust-Museum,
und doch bleibt Faust ein Rätsel.
Faust ist Zukunftsforscher und Hellseher,
und Wunderdoktor nebenbei,
er macht aus Wasser Arzenei.

Dinge haben einen Anfang
Von wegen Ganzheitlichkeit
Gibts vielleicht auch einen Schluss?
Die vielen Dinge brauchen Zeit
Fragst du: Was hat angefangen?
Ist der Anfang schon vergangen

Auf der Landstraße

Faust:

Kennst du einen, kennst du Kain
Kennst du Abels Bruder Kain?
Kennst du einen, kennst du alle
Kennst du Kain, kennst du Kalle

Hallo, ich hab euch kommen sehn
Wollt ihr auch nach Babel rein?
Am Horizont die Stadt, die Türme
Verrückte bauen verrückte Bauten
Smog und Türme, Wolkenkratzer
Bauen sie höher als die andern
Sie sind schneller, sie sind besser
Sie sind die besten Skrupellosen
die allerbesten Ahnungslosen

Die Sieben und die Acht

Die sieben Wunder
Die sieben Berge
Die sieben Geisen
Die sieben Zwerge
Die sieben Jahre
Die sieben Brücken
Die sieben Söhne
Mit sieben Krücken

Die sieben Sünden
Die sieben Raben
Sieben gute Taten
Die sieben Raten
Die sieben Leben
Die sieben Übel
Die sieben Siegel
Die sieben Hügel

Alle reden von den Sieben
Alle reden von den vielen
Keiner dacht an die Acht
An die eine kleine Acht

In einem Blumenbeet schneidet eine Frau Dahlien.

Faust kommt ins Schwärmen:

Welch Farbenpracht! Die rote Camano Rascal, die weiße Alauna Chrystal, lachsorange Bergerhoffs Liebling, Blyton Lady in Red, Engelhards rote Koralle, Evelyn Rumboldt, Purple Urple!

Gestatten, Faust, Dr. Faust
Ich kenn die Welt und sie kennt mich
Den Herzog von Athen, Alonso
Neapels Hof samt Königs Söhnen
Oberon den Elfenkönig
König Lear mitsamt den Töchtern
Und den Dogen von Venedig

Voodoo Faust

Ich heiße Faust, Voodoo Faust
Ich biete alles was ihr braucht
Gutes, Wahres, Schönes, Liebes
Einen Knochensack noch obendrauf

Ich bin Faust, Voodoo Faust
Mein guter Ruf eilt mir voraus
Der Doktor im schwarzen Kreis
Ich weiß das was du nicht weißt

Auf dem Schulhof liegt ein toter Mann
In seinem Hirn kommt nichts mehr an
Bringt ihn in mein Laborium
Dann steht er auf und schaut sich um

Die Reichen scheuen keine Mühen
Gehen vor mir auf den Knien
Die Armen küssen mir die Hände
Doch alles hat ein nahes Ende

Zuerst ruft man nach meinen Diensten
Man glotzt und argwöhnt meinen Künsten
Am Ende kommt Skandalgeschrei
Mit Feuerwehr und Polizei

Faust will sie mit Angebereien beeindrucken:
Gestatten, Faust, Dr. Faust
Ich kenn die Welt und sie kennt mich
Den Herzog von Athen, Alonso
Neapels Hof samt Königs Söhnen
Oberon den Elfenkönig
König Lear mitsamt den Töchtern
Und den Dogen von Venedig
Ich lese für sie in den Sternen

Ihnen les ich aus den Händen
Woraus ich auch gern fressen würde
Das Gänseei aus dem sie schlüpften
Lag dereinst unter der Brücke
Dort wir uns wiedersehen werden

Wo bitte geht's zur Brücke?

Die Straße rauf, die Straße runter
Ende Parkplatz Shopping-Center
Über den Parkplatz auf den Knien
Bis zu den weißen Linien
Und wo bitte geht’s zur Brücke?
Da immer weiter weiter weiter

Überqueren Zebrastreifen
Bis zum Wald mit Autoreifen
Laufe durch Wald ohne Richtung
Mitten im Walde eine Lichtung
Und wo bitte geht’s zur Brücke?
Da immer weiter weiter weiter

Baumfreie Fläche mitten im Walde
Bis zum Fuße einer Halde
Klettern hoch die kalte Masse
Oben Himmel unten Wasser
Steigen ab die Kraterwände
Sehen Strand am untern Ende
Und wo bitte geht’s zur Brücke?
Da immer weiter weiter weiter

Die Begegnung am Nachmittag hat Faust verzückt. Cupido hat dieses armselige Wirtshaus in schönstes Licht gerückt und Fausts Augen sind an die Tochter des Wirts geheftet.

Faust doziert:

Woran wir glauben, Flako, wir glauben an die Realität. Glauben heißt Nichtwissen und für das Nichtwissen ist die Realität der rechte Gegenstand.

Wenn sie kommt, ist sie am Gehen
Ist sie da, ist sie vergangen
Es kommt vergeht Realität
Wie der Schall, wir glauben dran
Wir glauben dran, doch sag uns wann!
Wo ist sie, die kleine Wirtin?

Liebe auf den ersten Blick

Als das Pferd den Stall sah
War es Liebe auf den ersten Blick
Als die Frau den Reiter sah
Gab es kein Zurück

Mitten auf der Straße
Ohne ersichtlichen Grund
Die Frau imblauen Mantel
Ohne Handy ohne Hund

Er war ein kalter Fisch
Doch sie liebte ihn sehr
Kalte Fische brauchen Liebe
Je kälter desto mehr

Faust zu den Gästen:
Wer hat Beschwerden hier im Raum? Oder besser gefragt: Wer ist beschwerdefrei von euch, der sage laut und deutlich Ich und möge zu mir kommen. Dem Manne kann geholfen werden.

Es ist so stille hier im Raum
Tragt ihr so schwer an eurem Traum?
Ich bin doch euer Onkel Doktor
Bin nur für euch und eure Wehwehs
Gereist von Manitoba rüber
Ich lass euch schnuppern an dem Mittel
Arzneimittel Allheilmittel
Bannt die Ängste dünnt die Träume
Macht die Seelensteine leichter
Löst den Kummer ohne Kater
Macht zur Wollmaus alle Steine
Wenn Geld belastet macht es locker
Es verdünnt, was euch je drückte
Portemonnaie oder Konto

Die Prophezeiung

Einmal kommt - ich habe Zeichen
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen.
Sturmtod hebt die Klauentatzen:
Nieder stürzen alle Lumpen,
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt sein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.

Eine Stichflamme schlägt zur Decke hoch. Explosion, Rauch, Geschrei. Faust hat einen seiner Zaubertricks zum Besten gegeben. Die Studenten sind Feuer und Flamme und hängen an seinen Lippen.

Faust:

Das war eine Fingerübung
Ich ruf damit die Helfer her
Aus dem Ungefähren lock ich
die Unsichtbaren in die Nähe
Um mein Gewerke auszuführen
Brauch ich Kräfte aus dem Äther
Willst du Fliegen ohne Federn
Hast auch keine Engelsflügel
Brauchst du einen Stubenbesen

Ich kann nicht alles allein machen. Zum Beispiel zum Fliegen brauchts einen gewissen Support. Einen Engel mit Flügeln oder eine Leiche, die zur Hölle fährt.

Es werde Licht

Im Abendrot Weizenkeimbrot
Das fahle Licht kommt außer Sicht
Komm Dunkelheit, komm Dunkelheit

Ein Überbein im Sonnenschein
Fürs Tageslicht zu buckelig
Kommt Zeit kommt Nacht

Trautes Heim Traudels Bart
Zu hässlich für ein Sonnenbad
Sonnenbrand, Sonnenbrand

Aufs leere Blatt
Scheint Mondlicht satt
Abrakada es gilt das Wort
Es werde Licht, es werde Licht

Der Illusionist und Hexenmeister wird in die Arme des Mädchens getrieben. Und was will sie? Sie will ein großes Tier! Das kann man doch verstehen.

Groß und auch ein bisschen tapsig
Prächtig und ein bisschen flapsig
Der hobelt und nicht auf Späne achtet
Es scheint, er hat das Glück gepachtet

Die Brücke ist eine Kneipe

Die Brücke ist eine Kneipe
Da kenn ich die Tochter vom Wirt
Vielleicht werd’ ich auch Wirt
Wenns aus uns zwei was wird

Ich hol sie ab zur Kirche
Das ist im Land so Brauch
Sie hört die Engel singen
Ich sag ich hör sie auch

Ich ess bei ihr zu Hause
Sitz am gedeckten Tisch
Sonntags gibt es Braten
Und freitags gibt es Fisch

Am Mittag gehn wir wandern
Es wird uns ganz schön heiß
Sie zieht sich die Socken
Und ich das Sakko aus

Wir pflücken Wiesenblumen
Und wünschen Kinderlein
Und für unsere Wohnung
Trendiges Design

Schmalkaldens Erdentod

Die Erd reißt auf und frisst Schmalkalden
Keine Seele kann sich halten

Die schönen Starken und die Schwachen
Aus heiterem Himmel in den Rachen

Das Loch schluckt tausend Lieferwagen
Mitsamt der Ladung und Garagen

Kinder Greise Männer Weiber
Die Erde schluckt lebende Leiber

Ist die Erde blind hat sie Kummer
Schwermut oder einfach Hunger

Sie frisst den Krater ohne Brot
Das ist Schmalkaldens Erdentod

Die Stadt liegt in Agonie. Die Stadt ist dem Untergang geweiht. Sie wird beherrscht von kriminellen Banden. Die Bürger haben kein Vertrauen mehr in die Institutionen. Als Kinder haben sie gelernt, dass sie sich durchsetzen müssen. Das Mantra ihrer Kindheit war: sei stark, behaupte dich. Jetzt bekämpfen sich alle bis zur Raserei.

Wir brauchen einen Mann

Wir brauchen einen Mann, der was kann
Der fasst die Dinge nicht
mit Fingerspitzen an
Der denkt mit, hat alles im Griff
Und seine Augen überall
Wir brauchen einen Mann

Wir brauchen einen Mann, der was kann
Der keinen Trend verpennt
Gestern Punk heute Catcher
Morgen Hardcorestreightedger
Wir brauchen einen Mann

Wir brauchen einen Mann, der was kann
Der auch sensibel sein kann
Der tritt dich, wenn du schlapp machst
Der kippt dich, wenn du abschlappst
Wir brauchen einen Mann

Die Einwohner beschuldigen sich gegenseitig, man sucht die Schuldigen bei den Schwachen. Es wird nach einem starken Mann gerufen. Faust lädt sich zum Rat der Stadt ein und bietet sich als Retter an.

Die Raupe

Die Kröte bleibt gern Kröte
Drum wird aus ihr kein Prinz
Der Aal bleibt gern ein Aal
Mit aller Konsequenz

Der Mensch wär gern ein Mensch
Von Bildung und Kultur
Und bleibt doch eine selbst-
gerechte Witzfigur

Die Raupe würd’ gern Raupe
Unter ihresgleichen sein
Doch muss metamorphieren
Zu einem Schmetterlein

Der Mensch würd’ gern ein Mensch
Mit Bildung und Geschmack
Wird statt ein Abbild Gottes
Ein abgekacktes Wrack

Faust:
Die Stadt bankrott, das ist bedenklich
Bleiben Kranke, Sieche, Bettler
Fehlt noch die Rache der Natur
Erdbeben, Dürre, Hungersnöte
Viren, Bakterien, das wär
Prekär, dazu Kartoffelpest
Reblaus und Tomatenfäule

Müll und Tiere in den Häusern
Ratten, Hunde, wilde Schweine
Krätzmilben und schlechte Musik
Ihr sagt das Chaos sei perfekt
Raub und Mord gedeihen prächtig
Es wird gekämpft um Wasser, Luft
Und Vorfahrt im Straßenverkehr
Was ihr beschreibt, klingt nicht verdächtig
Das ist landläufig regulär
Der Mensch begehrt den Dreck des andern

Listen to the King

Listen to the king of the surf guitar
Listen to the sound of the guitar King
Listen to the king of the dwarf hamsters

Listen to the dwarf of the slide guitar
Slippin to the sound of the guitar dwarf
Listen to the king of the dwarf hamsters

Listen to the king of the baby dwarfs
Listen to the baby king of the dwarfs
Listen to the king of the dwarf hamsters

Faust spricht zu den Ratsherren und weist ihnen den Ausweg aus der Krise:
Fragt die Jugend, was sie braucht!
Fragt mich, was die Jugend braucht!
Kinder wünschen einen König
Einen transzendenten Schauder
Einen routinierten Sünder
Egomanisch muss er sein und
Nekromant, der Wissen plündert
Das Erkenntnisbäumchen knickt
Exhibitionist und Lustmolch
Treibts mit Mädchen und mit Jungen
Selbstlos ohne Eigennutz als
Öffentlicher Watschensepp
Dann könnt ihr Gewalt genießen
Dann wird Wahres wieder schön

Helena singt ein schwermütiges Lied.

Das Schwarze Meer

Das ist doch viel zu laut hier
Ich geh mal vor die Tür

Das ist doch viel zu ruppig
Das ist doch viel zu rack
Ich geh’ mal an den Fluss

Immer an dem Fluss lang
An dem blauen Nil

Ich suche Johann Faustus
Ich geh zu Fuß nach Wien

Der Nil fließt in die Donau
in das Schwarze Meer

Faust entscheidet sich für das Königreich und gegen die Liebe:
Das ist deine Chance, vom Dr. Faust zum König Faust zu werden! Statt der Hofnarr einer Frau halt ich selbst den Hof mit Hofmännern und Hoffräulein.

Nicht der Schwiegersohn von Brücke
Nicht der Tanzbär einer Gattin
Werde ich am Tag die Bären
Und nachts Puppen tanzen lassen

Der Magistrat hat zum Fest geladen. Ein großes Spektakel hebt an mit Musik, Tanz und Ochs am Spieß. Zur feierlichen Einsetzung des Königs der Herzen fließt der Wein in Strömen.

Das Publikum ist gespalten in Anhänger und Feinde von Faust. Aus einem Gerangel zwischen den verfeindeten Gruppen hat sich eine Massenschlägerei entwickelt. Als Faust die Bühne betreten will, kämpft jeder gegen jeden. Der Musiker greift Faust an. Der rasende Mob will sich auf Faust stürzen. Helena wirft sich schützend vor ihn und wird niedergeschlagen. Faust kann sich befreien und entwischt.

Das Fest

Die Sieben und die Acht

Die sieben Ecken
Die sieben Laster
Die sieben Schmerzen
Die sieben Farben

Die sieben Bürden
Die sieben Chancen
Die sieben Lügen
Die sieben Sünden

Die sieben Käfer
die sieben Schläfer
die sieben Fetten
die sieben Armen

Alle reden von den Sieben
alle reden von den vielen
und keiner redet von der Acht
und keiner hat erbarmen

Faust stadtauswärts:
Ach hätt ich nur, ach hätt ich nicht
Wär sie doch und hätte ich können
Hab es vermasselt und verbockt
War’s Eingebung, war’s böse List?
Da kam die Eitelkeit daher
Kleine Dosis Eitelkeit mit
Einer mörderischen Wirkung
Unversehens klafft die Hölle

Der Ort

Der Zug nach Nord verlässt den Ort
Der Zug nach Süd ist schon lang fort
Der Zug nach West fährt aus dem Blick
Alleine bleibt der Ort zurück

Vor dem Tor der Knabenchor
Das Lied verklingt im Knabenohr
Der Ort ist fremd wie nie zuvor
Der Ort kommt sich verlassen vor

Der Ort verlässt den Ort wie viele
Sucht er sich neue Lebensziele
Zurück bleibt Haus und Hof und Diele
Straße, Platz, Automobile

In der Nacht verlässt er seinen Posten
Er nimmt den letzten Zug nach Osten
Bernina Semmering Baikal Amur
Im Schnee verliert sich seine Spur

Hallo, ich hab euch kommen sehen. Kommt ihr aus der Stadt? Ich hab gehört, dort sei Devil’s Night. Sie zünden die Häuser an – aus Langeweile. Bevor auch die Letzten den Ort verlassen. Wenn alle weg sind, verschwindet auch der Ort.

Was Faust macht, wollt ihr wissen? Der Doktor hat ein neues Arbeitsfeld. Er macht Gold. Und das Gold macht er zu Geld. Gold oder Geld, ist ihm beides recht, Geld und Gold verdünnt die Schuld.